Training · Wachstum
Cannabis trainieren: LST und HST
Sanft formen oder gezielt beschneiden? Lerne die wichtigsten Trainingsmethoden kennen und erfahre, was zu Autoflower- und photoperiodischen Pflanzen passt.
Training verändert die Form – nicht die Grundbedürfnisse
Beim Pflanzentraining werden Triebe gelenkt oder gezielt zurückgeschnitten, damit eine flachere, gleichmäßigere Krone entsteht. Dadurch können mehrere Triebspitzen ähnlich viel Licht erhalten und der vorhandene Platz lässt sich besser nutzen. Training ersetzt jedoch weder gesunde Wurzeln noch passendes Licht, Klima und einen ruhigen Gießrhythmus. Eine untrainierte, gesunde Pflanze kann erfolgreicher sein als eine überforderte Pflanze mit vielen Eingriffen.
Low Stress Training: sanft in die Breite führen
Low Stress Training, kurz LST, formt die Pflanze ohne größere Schnittwunden. Beim Herunterbinden werden Haupt- und Seitentriebe vorsichtig gebogen und locker fixiert. Leaf Tucking legt große Blätter behutsam hinter junge Triebe, statt sie zu entfernen. Bei einem SCROG werden wachsende Triebe unter oder durch ein Netz verteilt. Gemeinsam ist diesen Methoden, dass sie regelmäßig in kleinen Schritten erfolgen und kein starkes Knicken oder Quetschen benötigen.
High Stress Training: bewusst eingreifen
High Stress Training, kurz HST, entfernt oder verletzt Pflanzengewebe. Beim Topping wird die dominante Triebspitze entfernt, beim FIM nur ein Teil davon. Supercropping formt einen Trieb durch kontrolliertes Weichdrücken und Umlegen. Lollipopping entfernt schwache untere Triebe; Defoliation ausgewählte Blätter. Mainlining oder Manifolding verbindet wiederholtes Topping mit anschließendem Formen. Solche Eingriffe brauchen eine vitale Pflanze, sauberes Werkzeug und genügend Zeit zur Erholung.
Autoflower: Die innere Uhr läuft weiter
Autoflowering Pflanzen beginnen genetisch gesteuert und weitgehend unabhängig von der Tageslänge mit der Blüte. Ihre Wachstumsphase lässt sich nach einem stärkeren Eingriff nicht einfach verlängern. Deshalb sind sanftes Herunterbinden, behutsames Spreizen und Leaf Tucking meist die risikoärmere Wahl. Topping, starke Entlaubung, Supercropping und Mainlining können funktionieren, lassen aber deutlich weniger Spielraum für Fehler und sind für Einsteiger nicht zu empfehlen.
Photoperiodisch: mehr Zeit für Erholung und Formgebung
Photoperiodische Pflanzen lassen sich unter langen Tagen länger im vegetativen Wachstum halten. Das eröffnet mehr Zeit für Topping, SCROG, Lollipopping oder kombinierte Methoden und erlaubt, die Blüte erst nach sichtbarer Erholung einzuleiten. Auch hier gilt: nicht mehrere starke Eingriffe gleichzeitig vornehmen, nicht an geschwächten Pflanzen arbeiten und größere Schnittmaßnahmen möglichst nicht bis tief in die Blüte fortsetzen.
Mehr Training bedeutet nicht automatisch mehr Ertrag
Die wissenschaftliche Datenlage ist noch begrenzt und Ergebnisse hängen stark von Genetik, Pflanzengröße, Dichte und Kulturbedingungen ab. In einer Untersuchung großer photoperiodischer medizinischer Cannabispflanzen erhöhte zweimaliges Beschneiden den Blütenertrag, während einfaches Beschneiden, Entlaubung und das Entfernen unterer Bereiche keinen sicheren Mehrertrag brachten. Extrem starkes Entfernen von Zweigen senkte den Ertrag drastisch. Die passende Intensität ist deshalb wichtiger als die Anzahl der Methoden.
Die Methoden auf einen Blick
Low Stress Training
- HerunterbindenTriebe vorsichtig biegen und locker fixieren
- Leaf TuckingGroße Blätter hinter junge Triebe legen
- Sanftes SpreizenSeitentriebe schrittweise auseinanderführen
- SCROGTriebe zu einer gleichmäßigen Fläche verteilen
High Stress Training
- ToppingDie dominante Triebspitze gezielt entfernen
- FIMNur einen Teil der jungen Triebspitze entfernen
- SupercroppingEinen Trieb kontrolliert weichdrücken und umlegen
- LollipoppingSchwache untere Triebe und Blätter entfernen
- DefoliationAusgewählte große Blätter entfernen
- MainliningTopping und symmetrische Formgebung kombinieren
Welche Methode passt zu welchem Pflanzentyp?
Sanftes Herunterbinden
- Autoflower
- Gut geeignet
- Photoperiodisch
- Gut geeignet
Leaf Tucking
- Autoflower
- Gut geeignet
- Photoperiodisch
- Gut geeignet
Vorsichtiges SCROG
- Autoflower
- Bedingt geeignet
- Photoperiodisch
- Sehr gut geeignet
Topping
- Autoflower
- Eher riskant
- Photoperiodisch
- Gut geeignet
FIM
- Autoflower
- Eher riskant
- Photoperiodisch
- Gut geeignet
Supercropping
- Autoflower
- Eher vermeiden
- Photoperiodisch
- Nur mit Erfahrung
Starke Defoliation
- Autoflower
- Eher vermeiden
- Photoperiodisch
- Vorsichtig möglich
Lollipopping
- Autoflower
- Nur sehr zurückhaltend
- Photoperiodisch
- Gut planbar
Mainlining
- Autoflower
- Nicht empfohlen
- Photoperiodisch
- Anspruchsvoll, aber planbar
Die Einordnung ist eine vorsichtige Praxisempfehlung, keine Ertragsgarantie. Für moderne Autoflower-Sorten fehlen bislang direkte wissenschaftliche Vergleichsstudien zwischen LST, HST und untrainierten Kontrollpflanzen.
Forschungsstand und Quellen
Die folgenden Arbeiten stützen die Einordnung zu Pflanzenarchitektur, Beschneiden und dem genetisch gesteuerten Autoflower-Merkmal:
- Shape Matters: Plant Architecture Affects Chemical Uniformity in Large-Size Medical Cannabis Plants
- Morphologische und physiologische Reaktionen auf Topping
- Einfluss von Pflanzendichte und Architektur auf Ertrag und Gleichmäßigkeit
- Genetische Grundlagen des Autoflower-Merkmals
Eine ruhige Checkliste für die Praxis
- Nur eine vitale, sichtbar wachsende Pflanze trainieren
- Vorher prüfen, wie viel Erholungszeit bis zur Blüte bleibt
- Mit der sanftesten geeigneten Methode beginnen
- Fixierungen locker halten und regelmäßig kontrollieren
- Starke Eingriffe nicht miteinander oder mit Umtopfen kombinieren
- Nach dem Eingriff mehrere Tage beobachten, bevor du weiterarbeitest